#Roman
#Debüt

Streunende Hunde

Gregor Fink

// Rezension von Juergen Weber

Von dressierten und streunenden Hunden

Die Sanduhr am Cover des Debütromans des Klagenfurter Kommunikationsberaters Gregor Fink verrät schon die Leitmotive: das Verrinnen der Zeit, das Älterwerden und die Ewigkeit der Liebe. Bis dann jemand kommt und sie umdreht.

Streunende Hunde ähnelt einem reinigendem Sommergewitter an einem der sengenden Hundstage, die uns alle jedes Jahr Ende Juli/August heimsuchen. „Im Radio hieß es, es sei der heißeste Tag des Jahres. Hohe Wolkentürme begannen den Himmel zu verdunkeln. Die unerträgliche Nachmittagshitze würde sich bald in ein kühlendes Sommergewitter entladen“ (S. 135), schreibt Fink und was sich hier so düster ankündigt, ist eine große Offenbarung. Ein großer Roman. Denn Gregor Fink hat eine rasante Geschichte wie im Rausch geschrieben, dessen Protagonist:innen sich durch eine Welt quälen, in der die Vergangenheit größer zu sein scheint als die Gegenwart oder die Zukunft. Bis der Schlag eines Schmetterlingflügels oder ein streunender Hund alles ändert.

Im Zwinger des Getriebes

„Als Kind hatte die raue Oberfläche des Asphalts für mich wie die Haut eines Dinosauriers ausgesehen“ (S. 66), meint Paul mehr zu sich selbst als zu irgendwem anderen. Paul, der Ich-Erzähler und Protagonist in Finks Streunende Hunde, ist ein ganz normaler Angestellter in einem Bürokomplex einer klassischen Firma mit Vorständen und Abteilungsleiter:innen. Über die Stadt, in der er lebt, gibt es keine näheren Angaben, außer vielleicht, dass sie sich von dem Dorf mit den Asphaltstraßendinosauriern, aus dem er kommt, unterscheidet.

Die Tage von Paul gehören ganz dem „Glaskäfig”-Zwinger mit ihren dressierten Hunden (S. 21), der Firma, in der er arbeitet. Nachts bekommt er allerdings neuerdings Besuch von seinem toten Vater. 30 Jahre ist es nun her und Paul war selbst noch jung, damals, als sein Vater durch einen Unfall aus seinem Leben fiel. Als dann Pauls Arbeitskollege Jürgen ohne Vorwarnung entlassen wird, kann Paul die Frage nicht abschütteln, warum es nicht ihn getroffen hat. Nach einem gemeinsamen Besäufnis in der – nomen est omen – Bar namens „Refugium“ (lat. für: Zuflucht) hat Paul einen Autounfall und steigt selbst fast aus seinem Job und seinem Leben aus, das ihm ohnehin nur mehr sehr wenig zu bedeuten scheint. Im anschließenden Krankenstand trifft er sich tagsüber mit dem Obdachlosen „Fisch“ und abends mit seinem Freund Hagen in dessen Keller. In den Nächten jedoch kehrt immer wieder sein Vater zurück, der ihn in Dialoge verwickelt, die die gemeinsame Vergangenheit aufarbeiten wollen, die es eigentlich nie gab. Paul hat noch einen letzten, unvergleichlichen Trumpf in der Hand: seine Frau Jana, die immer an seiner Seite ist, wenn er sie braucht. Sie ist die Einzige, die ihm noch das Gefühl gibt, dass er “mit der Welt wieder in Kontakt” steht (S. 56), ohne sich jemals in seine Eskapaden einzumischen. Noch, möchte man sagen, „noch“.

Die Sanduhr läuft

„Meine Seele war damals ein dunkles, abbruchreifes Gebäude und ich war im Fahrstuhl eingeschlossen. Jedes Mal, wenn ich dachte, ich sei im Keller angelangt, setzte sich der Fahrstuhl wieder in Bewegung und es ging eine Etage tiefer.“ (S. 49f.) In einen solchen, allerdings echten, Keller wird Paul auch von seinem besten Freund Hagen gezogen, der gerade eine Ehekrise durchzustehen hat. Seine Frau Katja betrüge ihn, vermutet er, aber in Wirklichkeit möchte er mit einer anderen anbandeln, traut sich nur nicht.

„Ich bin einsam, Paul. Ich muss es einfach aussprechen. Ich onaniere immer öfter, weil ich so allein bin. Ich trinke aus Einsamkeit, ich schlafe sogar aus Einsamkeit“ (S. 81), offenbart ihm sein Freund Hagen im Keller seines Hauses. Denn der Keller steht in Gregor Finks Roman für die Dinge, die eigentlich besser auch dort bleiben sollten: dunkle Sehnsüchte und Abgründe, an deren Rand nicht mehr nur Paul zu stehen scheint. Das Älterwerden hat die zwei Freunde schon längst erwischt, die Sanduhr – die sich auch am Cover der vorliegenden Ausgabe des Septime Verlages befindet – läuft; und beide wissen, dass dies alternativlos ist. „Älterwerden bedeutet, nicht mehr die Zeit zu haben, um in irgendetwas gut zu werden. Alles, was jetzt noch kommt in unserem Leben, alles, was wir noch machen, wird Mittelmaß bleiben.“ (S. 82f.) Hagen glaubt, dass er seine Chance vertan hat, und dass er „den Rest meines Lebens so tun werde, als wäre ich damit zufrieden“ (S. 83). Wie wird sich Paul entscheiden? Kann er seine eigene Sanduhr noch umdrehen?

Das Glück der Liebe

„Die Wiesen lagen verbrannt und braun zwischen Häusern und ausgetrockneten Wäldern, in denen nur die zimtbraunen Stämme ihre ursprüngliche Farbe bewahrt hatten.“ (S. 78) Ganz anders als Hagen ergeht es dem anderen Freund Pauls. Für ihn hört sich die Alternative zum Älterwerden ganz anders an. Fisch, der Obdachlose, taumelt über einem Abgrund, von dem es nämlich kein Zurück mehr gibt. Vor seinem plötzlichen Tod warnt er Paul nochmals eindringlich: „Dort, wo andere ihre Sehnsucht, ihre Wünsche haben, hast du nur deine Vergangenheit. Deine Erinnerung. Das ist gefährlich.“ (S. 60f.) Oder anders gesagt: Je mehr Sand durch die Sanduhr läuft, desto schneller muss sie eben jemand wieder umdrehen: „Du musst nicht sterben, um ein neues Leben zu beginnen“ (S. 55), ermuntert Fisch ihn, seine Probleme aufzuarbeiten.

Das Vermächtnis seines obdachlosen Freundes wird für Paul schließlich auch zum Wendepunkt und endlich, die „Asphaltadern entspannten sich nach der Hitze des Tages“ (S. 152). Paul beschließt, sich auf die Reise in seinen Heimatort zu machen, um Antworten auf die Fragen zu finden, die er sich eigentlich nur selbst geben kann.

„Lange hatte ich nicht den Mut zurückzukehren, aus Angst, ihn [den Ort, JW] nicht mehr so vorzufinden, wie ich ihn verlassen hatte. Denn hier war die verkrustete Naht jener Wunde, die meine Vergangenheit mit meiner Gegenwart verband.“ (S. 167) Am Friedhof, auf dem das Grab seines Vaters liegen sollte, findet er jedoch das Grab nicht mehr, dafür aber einen streunenden Hund: Johann. „Du hast das Glück, dass manche Menschen dich mehr lieben als du dich selbst” (S. 173), meint dieser zu Paul. Und da spürt Paul endlich eine lange vermisste Sehnsucht nach dem Regen wieder. Aber nicht wegen der Abkühlung, sondern wegen des Geruchs von nassem Holz.

Der Geruch von nassem Holz

Gregor Fink setzt mit Streunende Hunde nicht nur der Freundschaft ein Denkmal, sondern auch der Liebe (zwischen Jana und Paul). Gemeinsam erinnern sie sich an die Zeit, als es noch „Dosentelefone“ (S. 149) gab und der andere für eine Umarmung nur einen Steinwurf entfernt war. Es ist ein Roman über die Gegenwart der Vergangenheit, die gerade dann stärker hervortritt, je älter man wird. Jahrelang bandagierte Wunden brechen irgendwann wieder auf, es gibt kein Entkommen vor der eigenen Geschichte, nur eine Versöhnung. Diese Versöhnung passiert dann, wenn sie am wenigsten erwartet wird, nicht gesucht, sondern gefunden wird. Auch seinen Vater kann Paul am Ende des Romans wieder umarmen, denn er weiß, dass weder die Vergangenheit vergangen noch die Toten ganz tot sind, so lange wir sie in unseren Herzen tragen. Aber viel wichtiger noch als die Erinnerung ist die Gegenwart der Menschen, die wir lieben, wenn man so viel Glück wie Paul hat, „dass manche Menschen dich mehr lieben als du dich selbst“.
Ein Sommer der Erkenntnis, ein langer Sommer der Katharsis, der von einem reinigenden Gewitter hinweggewaschen wird, und endlich: der Geruch von nassem Holz. Ein sinnliches Bild, das auch die eigene Fantasie wiedererweckt. Ein starkes literarisches Zeichen in einer klaren und prägnanten Sprache, das zeigt, dass der Tag schon in der dunkelsten Stunde der Nacht beginnt.

 

Juergen Weber arbeitete an den Universitäten Wien, Prag, Berlin und Boston, derzeit an einer italienischen Universität und als freier Autor für verschiedene Literaturportale, u. a. für www.rezensionen.ch

Gregor Fink Streunende Hunde
Roman.
Wien: Septime Verlag, 2025.
192 Seiten, gebunden.
ISBN: 978-3-99120-068-0.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 15.09.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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