#Lyrik

ich ein sommerregentropfen

Waltraud Haas

// Rezension von Sabine Dengscherz

In wenigen Worten viel sagen – das charakterisiert das Schreiben von Waltraud Haas. In ihrem jüngsten Band ich ein sommerregentropfen sind Gedichte und Prosaminiaturen versammelt, die in gewohnter Leichtigkeit und Treffsicherheit Facetten des Lebens und Schreibens aufgreifen.

Ein früher Wurm, der Tag und Vogel frisst, ein Wolf der Liebe, der gefüttert werden muss, eine alte Häsin, die einer jungen Giraffe begegnet, ein abwesender Vater, eine schwierige Mutter – und Hüte, die frau sich aufsetzt oder auch nicht. Kleine Alltagsszenen treffen auf große Fragen, menschliche Regungen und tierische Redewendungen werden genüsslich zerpflückt, geschüttelt und gerührt – und manchmal gibt es auch ein Bier dazu.

Kurz und knapp sind die Texte von Waltraud Haas, einfach und klar, manchmal haben sie eine Nähe zum Aphorismus, oft eine überraschende Wendung. Mal komisch, mal ernst und sehr oft selbstironisch geht es um die Liebe und das Schreiben, das Älterwerden und das Sterben, um ein Ich und ein Du. Wie schon in früheren Gedichtbänden schimmern zuweilen Narben aus der Kindheit durch. Und wie schon in früheren Bänden geht es auch hier darum, was frau daraus macht, im Leben wie im Schreiben: “mein leben / war ein schreibakt / ich habe mich / bis zur kenntlichkeit / erschrieben”(S. 79), lautet etwa eines dieser Gedichte.

Die Texte haben etwas Skizzenhaftes, das Wesentliche ist deutlich zu erkennen, Waltraud Haas gibt kaum Rätsel auf und doch bleibt vieles offen, lässt Raum zum Weiterdenken und Sinnieren – weit weg von jeglicher Behübschung und Beschönigung.

Das Titelgedicht ich ein sommerregentropfen vereint die Leichtigkeit und Mehrdeutigkeit, die auch vielen der anderen Gedichte eigen ist: “ich ein sommerregentropfen / bin dahin / bevor ich noch / gefallen bin” (S. 85). Die Länge oder Kürze des Lebens, Krieg, Altern, Vergänglichkeit und Sterben sind immer wieder Thema in den Texten. Dennoch siegt zumeist die Lebenslust, selbst dann, wenn es um den Tod geht: “noch laufe ich / hasengleich / im zickzack / an meinem grab / vorbei” (S. 65), heißt es da etwa, oder: “ich möchte meinen tod / nicht schwarz auf weiß / sondern bunt erleben” (S. 57).

Einige der Gedichte gehen von Zitaten aus (etwa von Ann-Kathrin Ast, Rose Ausländer oder Angelus Silesius), manche sind Kolleg:innen gewidmet (etwa Maria Lazar, Elias Schneitter oder Ilse Kilic). Insgesamt versammelt der Band 176 Einzelgedichte, eine sechsteilige Haiku-Sequenz, einen 39-teiligen Gedichtzyklus über lüge und wahrheit fern jeder moral und schließlich noch 30 Prosaminiaturen. Das Buch ist großzügig gesetzt, jedes der Einzelgedichte hat eine ganze Seite für sich, ist ausgestellt auf einem schönen Weißraumpodest, die Augen können die Texte in Ruhe umkreisen, sich niederlassen und verweilen.

Lüge, Wahrheit und Erkenntnis sind bereits in einigen der Einzelgedichte wiederkehrende Motive, auf gesellschaftlicher Ebene (“wir faken / auch fake news”, S. 77) oder auf (zwischen)menschlicher (“in der tiefe meines herzens / erkannte ich dich / und erschrak ungemein”, S. 169) oder im Hinblick auf die Darstellung von Welt (“auch ich flunkere / um des refrains willen / denn die welt will erlogen werden”, S. 171); im Zyklus über lüge und wahrheit fern jeder moral erhalten die Gedichte schließlich beinahe essayistisch-erörternden Charakter: Lüge und Wahrheitssuche werden aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet: von Bequemlichkeit über Illusion bis zum Erträglichmachen unangenehmer Fakten.

Die 30 Prosaminiaturen, die den Band abschließen, sind ebenso reduziert wie die Gedichte (oft bestehen sie nur aus einem einzigen Satz) und deutlicher (autobiographisch) auf das Autor:innen-Ich bezogen als die Gedichte. Es sind Miniaturen der Selbstvergewisserung als Schreibende und als Chronistin. Am Ende, auf der letzten Seite, steht eine Hommage an die Sprache und eine Anspielung auf eine beliebte Poesie-Lesereihe in der Alten Schmiede, einem Literatur-Veranstaltungsort in Wien, bei der der Autor Semier Insayif Lyriker:innen einlädt, um sich mit deren Texten auseinanderzusetzen (Waltraud Haas war 2023 dabei): “heute nacht gab es ein dichtfest. ich und die worte waren die gäste.” (S. 205). Als eine solche Hommage an das, was sich mit Sprache machen lässt, das Spiel mit Uneindeutigem und das Ringen um Annäherung an das, was dahinterstecken könnte, lässt sich der ganze Band lesen.

Waltraud Haas schöpft aus dem Vollen und siebt es gründlich aus, jedes Wort sitzt, mit wenig Worten wird viel gesagt. Die kurzen Texte sind schnell memoriert und lassen sich mitnehmen in den Tag (oder in die Nacht), begleiten durch die Stadt oder über den Berg.

Jeder Schnipsel Poesie hält einen Zipfel der Wirklichkeit fest. So viele Schnipsel kann es aber gar nicht geben, dass jemals ein vollständiges Bild daraus würde. So heißt es eingangs nachgerade programmatisch:”ich bleibe / eine unvollendete / lebe ich auch / noch so lange” (S. 6). Und so freuen wir uns schon jetzt auf die nächsten Poesieschnipsel, die das Unvollendete weiterschreiben.

 

Sabine Dengscherz, geb. 1973 in OÖ, Schreibwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Universitätslektorin. Studium der Germanistik, Kommunikationswissenschaft und Hungarologie, Venia für Transkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeit. Forschung zu Schreibprozessen, Schreibstrategien und Kulturbegriffen. Mitglied der GAV. Lebt in Wien und Dénesfa. www.dengscherz.at

Waltraud Haas ich ein sommerregentropfen
Gedichte und Prosa.
Wien: Klever / Lyrik, 2025.
212 Seiten, Klappenbroschur.
ISBN: 978-3-99156-017-3

Verlagsseite mit Informationen zum Buch und zur Autorin

Homepage von Waltraud Haas

Rezension vom 23.09.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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