Zu Beginn steht wie ein Motto eine Begriffsklärung: „In der Mitte der Netzhaut gibt es einen Bereich, in dem die Sehzellen besonders dicht angeordnet sind: die Makula. Hier befindet sich, so heißt es, der Bereich des schärfsten Sehens.“ (S. 9) Solange die Makula intakt ist, denken wir vermutlich nicht allzu oft über sie nach. Im im Zusammenhang mit ihrer Degeneration ist sie aber vielen ein Begriff: Wenn die Sehzellen in der Mitte der Netzhaut nicht mehr mitspielen, bedeutet das den Verlust der Möglichkeit scharfen Sehens, genauen Hinschauens, des Fokussierens auf Details, Buchstaben oder Text.
Man wird nicht blind davon, sieht aber nur noch in der Peripherie des Gesichtsfelds. Was ist also zu erwarten von einem Erzählband mit so einem solchen Titel und so einem solchen Motto? Der Klappentext verspricht Momente, in denen das Leben „kurz halt“ macht, „um unseren Blick auf das Wesentliche zu schärfen“, der Autor lege, so heißt es, „die Essenz des Lebens frei“. Ist das nicht übertrieben? Mal sehen.
Nach mehreren Romanen legt Harald Darer mit Makula nun einen Band mit sechs Erzählungen vor. In allen spricht ein Ich-Erzähler, meistens geht es aber gar nicht so sehr um dieses Ich, sondern vielmehr darum, was es beobachtet. Der scharfe Blick wird auf Familie oder die Belegschaft einer Firma geworfen, er trifft auf Kalamitäten und Absurditäten, auf Glück im Unglück oder Tragisches, zu Hause oder unterwegs. Manche der Erzählungen liegen nahe am persönlichen Erleben des Ich-Erzählers, in anderen geht es mehr um das das Beobachten – oder die Sichtweisen von anderen, die selbst zu Wort kommen dürfen. Etwa eine aus Tschetschenien stammende Person, die im Büro putzt, und der der Ich-Erzähler nur begegnet, wenn er viel früher zu Arbeit kommt als er eigentlich müsste.
Soziale Gefüge, Begegnungen in der Arbeitswelt spielen immer wieder eine Rolle, stets geht es dabei aber um den privaten, den zwischenmenschlichen Bereich. So streift der scharfe Blick einen Taxifahrer in Delhi, einige Botschaftsmitarbeiter oder eine Reihe von Kolleg:innen, mit denen der Ich-Erzähler jahrelang zusammengearbeitet hat, und deren Geschichten und vielschichtige Verbindungen mit einem einzigen Tag verwoben sind: dem 11. August 1999. An dem Tag hat sich die Belegschaft im Hof versammelt, um die Sonnenfinsternis zu sehen. Der Ich-Erzähler hat seine Schutzbrille zu Hause vergessen, und so schaut er eben den anderen beim Schauen zu und subsummiert, was er über sie weiß. In seiner Erinnerung ist alles, was lange vorher oder auch viel später geschah, zusammengeschmolzen auf diese wenigen Minuten, in denen der Mond vor die Sonne rückt und sein Schatten über einen Firmenparkplatz gleitet.
In der Sonnenfinsternis-Geschichte kommt ein Erzählmoment zum Tragen, das sich auch in anderen Texten zeigt: Jeder einzelne Moment, in dem Menschen irgendwo aufeinandertreffen, birgt jede Menge Stoff, man muss nur imstande sein, ihn zu sehen. Jeder und jede Einzelne bringt ganz persönliche Vorgeschichten mit, Wünsche, Träume, Möglichkeiten und Grenzen, Verletzungen, Ängste, Vorlieben und Aversionen, die wiederum häufig in diversen Erfahrungen – Vorgeschichten eben – begründet sind. Somit ist in einem kleinen Moment schon vieles angelegt, aus dem Literatur werden kann. Harald Darer versteht es, solche Schätze zu heben. Er lässt die Figuren in den Erzählungen lebendig werden, über ihre Gewohnheiten und ihre besondere Art, andere wahrzunehmen, ihre Umwelt zu erleben und darüber zu reden – ohne dass er vorgaukeln würde, alles zu verstehen, was dahintersteckt.
Es ist eine unaufgeregte Art des Erzählens, die auf Vertrautes und Alltägliches ebenso schaut wie auf Randständiges oder Ungewöhnliches. Das genaue Hinschauen bezieht sich mal auf nahestehende Verwandte (die Eltern, ein Bruder), mal auf Freunde, Bekannte und Kolleg:innen. Es können aber auch Menschen sein, die der Ich-Erzähler kaum kennt. Scharf sehen kann man ein Detail auch dann, wenn man nicht genau weiß, wie es in das große Ganze passt. Dann wiederum gibt es Bilder, die verschwommen wirken, wenn man zu nahe dran ist, die sich erst scharf stellen lassen, wenn man ein paar Schritte zurück tritt und einen größeren Ausschnitt in den Blick nimmt.
Um verschiedene Formen des Hinschauens geht es also in den Erzählungen, um geschärfte oder verzerrte Wahrnehmung, gefiltert oder ungefiltert. Es wird hinein gezoomt in eine Szene und wieder heraus, Perspektiven werden gedreht, gewendet und gewechselt – zwischendurch können sie auch einmal in Red Bull-Wodka-Dunst verloren gehen (irgendwo in Serbien, auf einer Art Betriebsausflug).
Durch das Drehen der Perspektive entstehen vereinzelt auch Verbindungen zwischen den Texten. Da und dort tauchen Figuren und Motive aus anderen Erzählungen wieder auf, legen nahe, dass der Ich-Erzähler in allen sechs Erzählungen derselbe ist, ja, vielleicht sogar, dass es sich – zumindest teilweise – um Spielarten von Autofiktion handeln könnte (zumal das eine oder andere biografische Detail vom Autor entlehnt wird: die Kindheit in Mürzzuschlag etwa, oder eine Ausbildung zum Elektroinstallateur). Mal werden Einzelheiten fokussiert, mal Zusammenhänge und Verbindungslinien, und immer wieder wird der Fokus ein Stück weit verschoben – und sozusagen geschaut, was dann passiert.
Vieles ist möglich.
Und eines ist sicher:
An Makuladegeneration leiden diese Erzählungen nicht.
Sabine Dengscherz, geb. 1973 in OÖ, Schreibwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Universitätslektorin. Studium der Germanistik, Kommunikationswissenschaft und Hungarologie, Venia für Transkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeit. Forschung zu Schreibprozessen, Schreibstrategien und Kulturbegriffen. Mitglied der GAV. Lebt in Wien und Dénesfa. www.dengscherz.at
