Zu Beginn von Raphaela Edelbauers neuem Roman Die echtere Wirklichkeit planen fünf Aktivist:innen im gegenwärtigen, postfaktischen Wien, wo vor dem Parlamentsgebäude eine Justitia-Statue steht, diese durch einen Sprengsatz zu köpfen, um von einer Geiselnahme an der philosophischen Fakultät der Universität abzulenken. Die Gruppe, die sich nach der griechischen Göttin für Wahrheit und Wirklichkeit Aletheia nennt und in einer kommunenhaften WG zusammenlebt, will mit der Aktion aber keine Gewalt säen, sondern vor allem mediale Aufmerksamkeit für ihr Manifest erzeugen. Sie sind schließlich eine philosophische Terrororganisation.
„Es gibt nur eine Wahrheit“, lautet der erste Punkt des Manifests, „und sie ist absolut. Diese Wahrheit ist weder eine soziale Konstruktion noch subjektiv oder bloß eine unter vielen”. (S. 9) Diese Behauptung der Postmoderne und der Dekonstruktivisten habe zum „Aufstieg des Populismus und seiner alternativen Fakten“ (S. 10) geführt. Um Gesellschaft und Politik vom „unbeabsichtigten Wirken des Krebses der Postmoderne“ (S. 10) zu befreien, will Aletheia daher eine philosophische Revolution anzetteln, denn ohne „den Anker eines Wahrheitsbegriffs läuft jede politische Maßnahme ins Nichts.“ (S. 10)
Wie in ihren anderen Romanen gießt Edelbauer also auch für Die echtere Wirklichkeit ein tiefes philosophisches Fundament. Doch wie immer schafft sie es, die Theorie mit einer spannenden Handlung zu verknüpfen. Diese setzt wenige Seiten nach den ersten Punkten des Manifests ein und sieht die Gruppe eineinhalb Tage vor der Aktion noch immer zerstritten darüber, wie ihr Ziel, die eine Wahrheit der Allgemeinheit zu präsentieren, am besten umzusetzen sei: „Bernward wollte Theorie und kannte sich mit der Praxis nicht aus. Brigitte wollte Taten, auch wenn sie sich und andere damit an die Wand fuhr. Die Chirurgin wollte fliehen, schon während sie noch anwesend war. Paul wollte die Illusion von Sicherheit erzwingen.“ (S. 28) Und das fünfte Mitglied Aletheias, die sich Byproxy nennt und als Ich-Erzählerin ihre Kamerad:innen hier auf wenig schmeichelhafte Weise beschreibt, „wollte erzählen“. (S. 28)
Bis hierhin hat sie schon erzählt, dass sie 21 und eine Waise ist und im Rollstuhl sitzt. Doch schnell wird klar, beziehungsweise deutet Byproxy selbst an, dass sie es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nimmt. Denn „wenn mir im Leben ein einziges Talent gegeben war, dann jenes, Geschichten aus einem einheitlichen Stoff zu weben: wasserdicht, widerspruchsfrei, souverän.“ (S. 46) Sie will das nicht lügen nennen, schließlich manipuliere „jeder Mensch […] alle anderen unablässig“ (S. 47).
Das ist eines der zentralen Motive von Edelbauers Buch: Wie kann es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit geben, wenn es nicht nur einen Menschen gibt, sondern viele und jeder von diesen eine eigene Meinung hat? Diese Tatsache demonstriert Edelbauer anschaulich anhand von Byproxys Erzählen, das auf jeden Fall unzuverlässig genannt werden kann und sich vor allem in ihrer eigenen Geschichte kaum an Tatsachen orientiert. Gekonnt manipuliert Byproxy die Leser:innen, schafft eigene Wirklichkeiten und Wahrheiten und macht keinen Hehl daraus. In der Gruppe schreibt sie sich vor der großen Aktion bei Parlament und Uni etwa die Rolle eines Decoys, eines Lockvogels, zu, was unter anderem verlange, „sich mit fremden Identitäten zu bekleiden“ (S. 25). Das hat sie schon vor zwei Jahren gemacht, als sie als neuestes und jüngstes Mitglied zur Gruppe kam, nachdem sie aus einer Einrichtung für betreutes Wohnen für junge Erwachsene geschmissen wurde. Sie brauchte eine Bleibe, überhörte Aletheia in einem Kaffeehaus und wusste, dass „sie untereinander so chaotisch zerstritten schienen, war ein Wink des Schicksals. Ich müsste unbedingt versuchen, mich in diese Wohnung, in diese Gemeinschaft hineinzuargumentieren“ (S. 78f.). Nie verrät sie den anderen nach ihrer Aufnahme viel von sich, spioniert sie im Gegenzug aber aus und durchsucht ihre Zimmer, um mehr über sie herauszufinden: Bernwards Karriere als Professor für Philosophie ist versandet. Paul ist ein Langzeitstudent dieser Disziplin und verschuldet. Brigitte, nur wenige Jahre älter als Byproxy, ist ebenfalls Philosophiestudentin und stammt aus einer reichen Familie. Die Chirurgin, bürgerlich Bettina, ist das älteste Mitglied und schon lange in radikalen Kreisen dabei.
Den Leser:innen, die Byproxy gelegentlich auch direkt anspricht, erzählt sie im Gegensatz zu ihren Mitstreiter:innen aber auch von sich selbst und gibt sogar einen Hinweis für die richtige Lesart ihrer Geschichte. Neben ihrer Tätigkeit bei Aletheia ist sie nämlich Videospiel-Entwicklerin und arbeitet an einem „Think-Backwards-Game“, dessen Ziel es ist, „herauszufinden, wie es zu einer Situation gekommen ist, also rückwärts von der Anschauung zum Grund zu kommen, […] kurzum durch das Entwerfen von Fiktionen.“ (S. 31)
Nach und nach erzählt sie von ihren zwei Jahren bei Aletheia, aber auch von der Zeit davor und hier vor allem von ihrer Schulfreundin Dorothee, mit der sie auf Schüleraustausch in Schweden ihr traumatisches Maturajahr verbracht hat.
Edelbauer lässt Byproxy somit von drei Ebenen erzählen, auf denen Wahrheit und Wirklichkeit erzeugt, aber auch missbraucht wird: mit den theoretischen Exkursen auf der Ebene der breiten Gesellschaft, in kleinen Gruppen wie Aletheia und schließlich in den Beziehungen zweier Menschen. Denn im Verlauf des Romans wird immer klarer, dass Byproxy in der Beziehung zu Dorothee, dem Jahr in Schweden und besonders dem Ende den Grund für ihr Verhalten festmacht. Es hat sie aus dem betreuten Wohnen fliegen und zu Aletheia stoßen lassen, wo sie die große Aktion beim Parlament und an der Uni Wien angeregt hat.
Schon im ersten Kapitel imaginiert sie die Medienberichte, die nach der Aktion über sie erscheinen könnten: „Es liegt eine Traumatisierung vor, würde man vielleicht schreiben – […] selbst als man sie in ein betreutes Wohnen hineinverstaut hatte, verfolgten sie noch die Bilder vom Unfall, bei dem ihre beste Freundin bei lebendigem Leibe verbrannte.“ (S. 20) Ist das wirklich der wahre Grund für die Erzählung Byproxys oder ist es nicht verdächtig, dass sie ihn den Leser:innen schon so früh zur Anschauung präsentiert? „Am Ende erhält der Spieler weder Belohnungen noch Upgrades“, sagt Byproxy einmal über ihr Think-Backwards-Game, dessen Ziel ja von der Anschauung zum Grund zu kommen ist; „allein das Wissen, das Aha-Erlebnis, das er durchs Nachdenken erwirbt, ist die Belohnung.“ (S. 32)
Edelbauer lässt Byproxy viele solche Fährten legen und für zahlreiche Twists sorgen, verliert dabei als Autorin dieses grandiosen Romans aber nie die Übersicht. Vielmehr belohnt sie ihre Leser:innen in Die echtere Wirklichkeit mit einer zeitweise herausfordernden, angenehm unvorhersehbaren und immer spannenden Lektüre.
Florian Dietmaier wurde 1985 in Graz geboren und hat dort ein Germanistikstudium abgeschlossen. Literarische Publikationen in der Zeitschrift manuskripte, Rezensionen u. a. in der schreibkraft. manuskripte-Förderungspreis der Stadt Graz 2019. Im Frühjahr 2024 erschien sein Romandebüt Die Kompromisse im Grazer Droschl Verlag, das mit dem Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark 2024 ausgezeichnet wurde.
