#Sachbuch

Ludwig Hirschfeld. Biografie

Peter Payer

// Rezension von Alexander Kluy

Wieso schreibt man ein Buch über seine Heimatstadt? Ganz einfach: Der Vorschuss ermögliche es, der Gattin einen Pelzmantel zu kaufen. So offenherzig begann anno 1927 Ludwig Hirschfeld sein “Anders-Portrait” der Stadt Wien. “Anders-Portrait” deshalb, weil er es seinerzeit für die Reihe „Was nicht im Baedeker steht“ verfasste.Hirschfeld schrieb Hunderte Feuilletons über das Wiener Kultur-und Gesellschaftsleben, zahlreiche Novellen, Lustspiel und Operetten-Libretti und schuf als Komponist populäre Schlagermelodien.

Der österreichische Historiker, Stadtforscher und Publizist Peter Payer hat nun die erste umfassende Biografie von Ludwig Hirschfeld verfasst, der zu seiner Zeit einer der bekanntesten Kulturschaffenden war und heute nahezu unbekannt ist.

Der 1882 in der Unteren Augartenstraße 18 in Wien-Leopoldstadt – das Wohnhaus der Hirschfelds war zugleich der Verwaltungssitz der familiären Rollgerste-Fabrik – geborene Hirschfeld war ein rühriger Schreiber. Er war Redakteur bei der bürgerlich-konservativen Neuen Freien Presse und von 1918 bis 1925 Chefredakteur der Halbjahres-Illustrierten Die Moderne Welt, hatte ab 1910 ein Komödientheater geleitet, Lustspiele verfasst sowie Libretti für mehrere Operetten, er komponierte Schlager, die recht populär wurden, und schrieb Feuilletons und Novellen. Vom Münchner Piper Verlag 1927 herausgebracht, Startauflage: 10.000 Exemplare – mit dem Nachsatz „und viel nostalgischer Reklame aus Wien“ im Untertitel und dem Haupttitel Das Buch von Wien und Budapest –, wurde es drei Jahre später nachgedruckt, diesmal Budapest-los. Ein Jahr zuvor, 1929, war eine englische Übersetzung erschienen. Wien 1927, das war die Stadt, in der Sigmund Freud, Arthur Schnitzler und Karl Kraus lebten, in dem die Individualpsychologie Alfred Adlers gerade ihren Wirkungshöhepunkt ebenso erreichte wie das „Rote Wien“ mit seinen „Gemeindebauten“, den riesigen Sozialwohnungspalästen.

Das Buch von Wien liest sich noch immer berückend leicht – und erlebte aus diesem Grund seit der Wiederentdeckung im Jahr 2020 drei Nachdrucke – u. a. im Milena Verlag. Es touchiert all jene bis heute ausdauernd gepflegten Topoi und Klischees, vom Kaffeehaus übers Raunzen bis zur Nostalgieseligkeit. Hirschfeld hatte Intelligenz, ironischen, dabei von Bitterstoffen befreiten Witz und Charme. Wie hingetupft liest sich dieses Zeitdokument, diese Verführung nach Wien. Da fahren Automobile langsam, „als führen sie auch nur spazieren oder betrachteten einander.“ (Wien, Milena 2020, S. 60) Der Prater? Ein Ungetüm „der amerikanisierten Lustigkeit“ (ebd., S. 173f.), un-wienerisch, weil „die tschechischen Dienstmädchen und die ungarischen Soldaten fehlen“ (ebd.). Manches mutet wie ein Atlantis an, untergegangen und sehr zeitgebunden, der Ausklang etwa über die schöne Wienerin, wo von Kokotten die Rede ist, von besseren Damen und von legitimen Geliebten.

Das lud natürlich in den damals publizistisch streitlustigeren Zeiten zu bösem Spott ein, etwa von Alfred Polgar und Egon Friedell 1922, die über Hirschfeld in ihrem in der Faschingssaison erscheinenden Pasquill Die böse Buben Stunde Ironie und Häme ausgossen über einen „Bubenstreich“, begangen am Ludwig Hirschfeld-Denkmal. Der Redaktion, hieß es da im Ausklang des galligen Textes, und final tiefe Pseudo-Erschütterung heuchelnd, seien zahlreiche Beileidsbekundungen zugeflattert.

Der Historiker Peter Payer ist, neben seiner Tätigkeit seit 2007 als Kurator des Departements „Alltag und Gesellschaft“ am Technischen Museum Wien, ein produktiver Erforscher der Sinnlichkeit alles Urbanen. Seine Buchkarriere begann einst mit Bänden über Gerüche und Gestank. Vieles kreist bei ihm um Rezeptoren, Adaptionen, Revisionen und Rekalibrierungen der Sinne in der Moderne; so legte er 2018 mit Der Klang der Großstadt (Löcker) eine Geschichte des Hörens und des Lärms im Wien Kaiser Franz Josephs vor.

Nun präsentiert Payer, der 2020 eine Auswahl von Hirschfeld-Feuilletons im Löcker Verlag herausgab, eine materialreiche, informative und dichte Lebensbeschreibung Ludwig Hirschfelds, wobei sich die Dichte auch auf Durchschuss, Zeilenabstand, Seitenspiegel und die Fülle an Text auf einer Druckseite, des Buches bezieht. Anmerkungen und Anhang inklusive eines verdienstvollen Werkverzeichnisses sind imposant, sie erstrecken sich über mehr als 100 Seiten.

1937 war Hirschfeld am Zenit seines Erfolgs. Er war prominent, ja ein Star der leichten Unterhaltungsmuse. Seine Musikpiècen liefen im Radio, seine Komödien wurden in größeren Theatern aufgeführt, in der Neuen Freien Presse war ihm das Privileg der feuilletonistischen Sonntags-Kolumne eingeräumt. Am 6. März 1938 erschien dort sein letzter Text. Kurz darauf verhaftet, ins KZ Dachau bei München verschleppt, interniert, dann freigelassen, floh er Mitte Juli jenes Jahres mit Familie nach Frankreich. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940 verstreute sich die Familie auf West- und Südfrankreich. Im Oktober 1942 dann die Festnahme und der Transport in den Tod. Ludwig Hirschfeld wurde am 8. November 1942, sofort nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau, getötet, am selben Tag wie seine Frau und seine 23-jährige Tochter Eva. Sein Sohn Herbert kam in diesem Konzentrationslager an einem unbekannten Tag im Winter 1944/1945 ums Leben.

Mit diesem instruktiven Band leuchtet Peter Payer gut lesbar ein interessantes Thema der quecksilbrigen Wiener Publizistik des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts aus und ihrer – bei Hirschfeld wörtlich zu nehmenden – multiplen, sich weit verstreuenden Versatilität; und das ober- und unterhalb des unhinterfragten kanonisierten Quartetts Alfred Polgar, Egon Friedell, Karl Kraus und Joseph Roth.

 

Alexander Kluy ist Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler. Zahlreiche Veröffentlichungen in österreichischen, deutschen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Editionen, zuletzt Konrad Engelbert Oelsner Luzifer oder Gereinigte Beiträge zur Französischen Revolution (Limbus, 2024) und Felix Dörmann Jazz (Edition Atelier, 2023). Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt im Klever Verlag Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche (2025) sowie in der Edition Atelier die kulturhistorischen Bände Das Kreuzworträtsel und seine Geschichte (2024) sowie Der Regenschirm. Eine Kulturgeschichte (2023).

Peter Payer Ludwig Hirschfeld. Biografie.
Wien: Löcker Verlag, 2025.
416 Seiten, gebunden; m. zahlr. Abb.
ISBN 978-3-99098-209-9

Verlagsseite mit Informationen zum Buch

Rezension vom 26.07.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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