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Löwenzahn. Eine Kindheit

Else Feldmann

// Rezension von Johanna Lenhart

„Ploni, bin ich ein armes Kind?“, eine Frage, die die Ich-Erzählerin im Roman Löwenzahn (1921) von Else Feldmann umtreibt. Vom Wiener Milena Verlag neu aufgelegt, erzählt er aus kindlicher Perspektive vom Aufwachsen im von Armut geprägten Wiener Arbeiter:innenmilieu. Der stark autobiografisch geprägte Roman eröffnet einen ergreifenden Blick auf soziale Ungleichheit, familiären Zusammenhalt und den Alltag in Wien Anfang des 20. Jahrhunderts.

Es ist Weihnachten: In einer Wiener Schule wird an jedes Kind ein Weihnachtsbuch verteilt, nur Marianne bekommt wegen schlechten Betragens kein Buch – eine Ungerechtigkeit in den Augen des Mädchens, die die junge Ich-Erzählerin in tiefe Verzweiflung stürzt. Bücher sind ein rares Gut in ihrem Leben, von dem die Wiener Autorin Else Feldmann in ihrem stark autobiografisch inspirierten Roman Löwenzahn aus dem Jahr 1921 erzählt. „Ploni, bin ich ein armes Kind?“ Eine Frage, die die kleine Marianne nach dem Schuleintritt plagt. Eine Frage, die sich ihr erst stellt, als sie in der Schule Kindern aus verschiedenen sozialen Schichten begegnet. Dass die Familie tatsächlich arm ist, darüber besteht kein Zweifel.

Die elenden Umstände, in denen sie mit ihren Geschwistern und Eltern lebt, die ständige verzweifelte Suche des Vaters nach Arbeit, das Dahinsiechen der älteren Schwester sowie die kleinen Demütigungen und Ausgrenzungen des Alltags, die dem aufwachsenden Mädchen erst nach und nach bewusst werden, sprechen eine eindeutige Sprache. Feldmann gelingt es dabei, die kindliche Perspektive mit all ihrer Verzweiflung und Unbekümmertheit konsequent umzusetzen und dabei den Leser:innen trotzdem ein darüberhinausgehendes Bild zu vermitteln.

Die Beschreibung der Wohnsituation im Miethaus, in dem die Familie lebt, verdeutlicht beispielsweise eindrucksvoll sowohl Else Feldmanns Talent zu atmosphärischen Schilderungen als auch die prekäre Lage, in der sich die Familie befindet:

„Schon im Hausflur verdüsterte sich meine Seele. Die bläulich geweißten Wände, welche überdies schmutzig waren, die engen Spiraltreppen, die finsteren Gänge, die sich noch durch das Schuhwerk so furchtbar kalt anfühlten, die Fenster, die in den Lichthof gingen und in den Vorhof des nächsten Hauses, die Öllämpchen, die nicht leuchteten, nur glimmten; der trostlos eisigkalte Kellerhauch, der im Stiegenhause lag, und ein Geruch von verdorbenem Fett, schmutzigen, dunstigen Kleidern, ein schrilles Getön von Kindergeheul und rohen Scheltworten, dumpfe Schläge von Männerfäusten und das ersterbende Gewinsel eines alten räudigen Hundes – dies alles getaucht in eine Flut von Dunkelheit und modriger Kühle.“ (S. 90 f.)

Das Leben von von Armut betroffenen Menschen in Wien – und besonders das von Kindern –, war in Else Feldmanns journalistischen und literarischen Schaffen ein zentrales Thema. Etwas, dass sie am eigenen Leib erfahren hat, wie im Else Feldmann – eine Spurensicherung betitelten Nachwort von Adolf Opel und Marino Valdez zu lesen ist, das erstmals in der 1993 von Opel und Valdez im Verlag für Gesellschaftskritik herausgegebenen Löwenzahn-Ausgabe erschien. Opel und Valdez haben sich auch als Herausgeber anderer Feldmann-Texte verdient gemacht wie des 2022 in der edition atelier wieder aufgelegten Bands mit Reportagen aus der Zwischenkriegszeit Flüchtiges Glück.

Geboren 1884 und als Tochter jüdischer Eltern in bescheidenen Verhältnissen im 2. und 20. Wiener Gemeindebezirk aufgewachsen, lebte sie die meiste Zeit ihres Lebens am Existenzminimum. Umstände, die sie aber nicht daran hinderten eine Laufbahn als Journalistin und Autorin einzuschlagen. Ab 1908 veröffentlichte sie Reportagen über sozialkritische Themen wie Kinderarmut, die Elendsbezirke der Stadt oder Prostitution – Themen, die ihr ein Anliegen waren. Eng vernetzt mit Wiener Journalist:innen und Literat:innen, begann sie bald auch fiktionale Texte zu publizieren: Erzählungen und Fortsetzungsromane in Zeitschriften, Theaterstücke wie Der Schrei, den Niemand hört. Ein Bericht aus dem Ghetto (1916), aber eben auch den Roman Löwenzahn, der bei seinem Erscheinen auf eine sehr positive Resonanz stieß.

Der ganz große Erfolg blieb Else Feldmann allerdings verwehrt, nicht zuletzt auch, weil ihre Situation in Wien in den 1930er- und 1940er-Jahren aufgrund ihrer jüdischen Herkunft zunehmend schwierig wurde. 1938 wurden ihre Texte von den Nationalsozialisten auf die Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt, kurz darauf wurde sie aus ihrer Wohnung in einem Wiener Gemeindebau geworfen. 1942 wurde Else Feldmann schließlich gemeinsam mit ihrem Bruder von der Gestapo nach Riga deportiert, von wo sie weiter in das Vernichtungslager Sobibór verschleppt und drei Tage später ermordet wurde.

Die Geschichte, die Feldmann in Löwenzahn erzählt, ist eine des Alltags. Die junge Ich-Erzählerin berichtet von ihrem Leben in der Schule, von der Geburt eines Bruders, vom Tod der Schwester, von Freundinnen, dem Aufwachsen und langsamen Realisieren, in welche Situation sie hineingeboren wurde.

Was die kindliche Perspektive besonders interessant macht, ist die Verbindung von Naivität, genauer Beobachtung und erstaunlich scharfsichtigen Einschätzungen. Erfahrungen kindlicher Ausgrenzung und Einsamkeit machen sich bemerkbar, ohne dass Marianne so recht die Worte dafür hat – es ist mehr „ein Ahnen als ein Wissen“ (Opel und Valdez Else Feldmann – eine Spurensicherung, S. 164), wie Felix Salten in einer Besprechung treffend bemerkt.

Zufluchtsort ist dabei die Familie, die das wenige, was sie für die Kinder tun kann, tut, und auch tatsächlich einen kleinen Aufstieg erlebt. Erledigungen mit der Mutter oder Abende mit den Geschichten des Vaters sind glückliche Momente in der Erinnerung Mariannes. Die Geschichten des Vaters geben Feldmann auch Anlass zu einer Passage, die sich – bedenkt man den autobiografischen Hintergrund und das journalistische Schaffen Feldmanns – wie ein poetologischer Grundsatz liest:

„Mein Vater lag, wenn er mit der häuslichen Arbeit fertig war, in einem halbwachen Zustande auf dem Bett, träumte, schlief oder sang Heimatlieder, bei denen einem das Herz wehtat. Manchmal raffte er sich auf und erzählte uns aus vergangenen Tagen. Ich konnte nicht genug davon hören. Nur etwas Wirkliches!, sagte ich, wenn es auch nicht schön ist. Während mein Bruder lieber etwas Erlogenes hören wollte, wenn es nur schön war.“ (S. 38)

„Nur etwas Wirkliches“, etwas mit Aussage über die (soziale) Realität, auch wenn es mitunter die weniger schönen Seiten des Lebens ins Zentrum rückt, erscheint Marianne erzählenswert. Lesen, Erzählen, Schreiben ist auch ein Thema, das sich durch Löwenzahn zieht. Nicht zuletzt endet der Roman – und Mariannes Kindheit – mit einem Schreibakt: Die inzwischen junge Erwachsene trägt ihr erstes selbstverfasstes Gedicht einer Kindheitsfreundin vor. Ein emotional einschneidendes Erlebnis, das einen hoffnungsvollen Blick auf den weitere Weg Mariannes wirft.

Bereits zeitgenössische Kolleg:innen wie Felix Salten schilderten den unmittelbaren Eindruck, den Löwenzahn auf sie machte, und noch 1989 bezeichnete Hilde Spiel den Roman in ihrer Autobiografie Die hellen und die finsteren Zeiten als „ein geliebtes, verschollenes Buch“ (Opel und Valdez Else Feldmann – eine Spurensicherung, S. 164 f.). Dass der Wiener Milena Verlag Löwenzahn nach einer ersten Wiederauflage im Jahr 2003 nun erneut herausbringt, zeugt von Hartnäckigkeit – und von der ungebrochenen Wirkung, die Mariannes Geschichte bis heute entfaltet.

 

Johanna Lenhart, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien. 2017-2022 OeAD-Lektorin an der Ain-Shams-Universität Kairo, Ägypten, und an der Masaryk-Universität Brno, Tschechische Republik; 2022-2024 externe Lektorin an der Masaryk-Universität; seit 2023 beim Ars Electronica Festival im Projektmanagement im Bereich Demokratiebildung tätig; Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik. Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. österreichische Literatur der Gegenwart, Comic sowie Genreliteratur und -film.

Else Feldmann Löwenzahn. Eine Kindheit
Roman.
Mit einem Nachwort von Adolf Opel und Marino Valdez
Wien: Milena, 2025.
180 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen.
ISBN: 978-3-903460-39-3.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Rezension vom 23.07.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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