#Lyrik

Bleib. Fraktale

Ingrid Puganigg

// Rezension von Janko Ferk

Fragmente aus einem Schriftstellerinnenleben

Nach einer langen Pause hat die Kärntner Autorin Ingrid Puganigg mit Bleib. Fraktale eine eindringliche poetische Lebensbilanz vorgelegt.

Einer Rezension über ein neues (sic!) Buch von Ingrid Puganigg muss ich einige Informationen vorausschicken: In der Mitte der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts habe ich im Kärntner slowenischen Hermagoras Verlag/Mohorjeva založba angeregt, zwei auch heute noch bestehende Buchreihen einzuführen, nämlich die Austriaca, in der österreichische Autoren in slowenischer Übersetzung erscheinen, und die Edition Slovenica, in der slowenische Autoren in deutschsprachiger Übersetzung verlegt werden. Eine der ersten Autorinnen, die ins Slowenische übersetzt wurde, war Ingrid Puganigg mit dem 1988 bei Suhrkamp erschienenen Prosaband Laila. Eine Zwiesprache.

Später habe ich von Ingrid Puganigg Jahrzehnte nichts gehört oder gelesen. Die Schriftstellerin ist gleichsam verstummt. Vor der jetzigen kam die letzte Buchpublikation im fernen Jahr 1992 (Hochzeit: Ein Fall, Suhrkamp) heraus; auch ein Hörspiel stammt aus demselben Jahr. Zweiundzwanzig Jahre danach hat sie noch gemeinsam mit Monika Helfer den Roman Zwei Frauen warten auf eine Gelegenheit (Zsolnay, 2014) veröffentlicht.

Jetzt ist sie wieder da. In der Grazer edition keiper ist in der Reihe keiper lyrik mit der Nummer 33 der Band Bleib mit dem Untertitel Fraktale erschienen. In seinem Nachwort bezeichnet Helwig Brunner, Autor und Herausgeber der Lyrikreihe, Bleib als Langgedicht. Dem kann ich mich aus mehreren Gründen nicht anschließen, vornehmlich aus literaturwissenschaftlichen. Auch wenn Bleib lyrische Passagen enthält, handelt es sich meiner Ansicht nach nicht um einen Lyrikband. Das Puganigg-Buch folgt eher Peter Handkes Aufzeichnungs- und Notizenprinzip, am ehesten könnte man eine Parallele zu seinem Journal Das Gewicht der Welt ziehen, wenn es denn sein müsste. Am ehesten könnte man bei Bleib von einem inneren Monolog sprechen.

Zum ersten Mal in meinem gesamten Leseleben bin ich auf das Wort „Fraktale“ als literarischen Gattungsbegriff gestoßen. Ich halte ihn für besonders geistreich und gelungen. Er sei kurz expliziert. Auf Wikipedia findet sich diese Definition: “Fraktale sind faszinierende, unendlich komplexe Muster, die sich durch Selbstähnlichkeit auszeichnen. Sie finden Anwendung in verschiedenen Bereichen wie Mathematik, Kunst und Naturwissenschaften, da sie natürliche Phänomene wie Küstenlinien, Schneeflocken und Blattadern widerspiegeln. … Fraktale verbinden die Schönheit der Natur mit der Präzision der Mathematik.” Ingrid Puganigg verbindet die Schönheit ihrer Gedanken mit der Präzision ihrer Sprache.

Den Inhalt dieses Buchs wird man mit Nacherzählen nicht wiedergeben können. Die Gedanken fließen nicht in einen großen geschlossenen Text, zumal sie oft nur einen Satz umfassen und in keinem Fall eine ganze Buchseite ergeben. Puganigg verzichtet bewusst auf kontinuierliches Erzählen. Alles ist irgendwie aperçuhaft, fragmentarisch, in den besten Fällen aphoristisch. Auch die vielen Leerstellen des Buchs, das in „Neunundvierzig Teile“ aufgegliedert ist, gehören zur Niederschrift. Die Autorin hebt dadurch das Fragmentarische optisch hervor. Die Leerstelle wird zum Stilmittel und ist eine Konstante in ihren Büchern.

Bleib erzählt von vielem: von der Kindheit und den misslichen Lebensumständen, die als Zumutung empfunden wurden, von der Liebe und der Verbundenheit mit dem Lebenspartner und von dem besonderen Schmerz nach seinem Verlust. Ingrid Puganiggs Ehemann, der deutsche Psychoanalytiker und Übersetzer Hans-Joachim Metzger starb 2022.

Die Kunst Ingrid Puganiggs besteht darin, ob all dieser Erinnerungen und Erschütterungen nicht in Pathos und Kitsch zu verfallen. Ihr Text ist aufrichtig und unsentimental und knüpft in seiner sprachlichen Qualität ohne Schwierigkeiten an den vor fast 40 Jahren veröffentlichten Band Laila an. War Laila eine „Zwiesprache“ mit dem Partner, so ist Bleib ein innerer Monolog, die Bilanz eines Lebens, das einmal schön und ein anderes Mal schwierig war.

Bei der Lektüre ahnt man bald, dass sich die Autorin für das Buch keinen Plan zurechtgelegt oder gezeichnet hat. Sie lässt den Inhalt erinnernd und trauernd wachsen und scheint assoziativ von Wort zu Wort und von Zeile zu Zeile schreiben angetrieben von einer Vorstellungskraft, die einen feingliedrigen, fast ziselierten Text entstehen lässt. Und das Ziselieren passt hervorragend zu den Fraktalen, ästhetisch und sprachlich.

Der Autorin und dem Buch wünsche ich, dass es ins Slowenische übersetzt wird.


Janko Ferk
arbeitet und lebt in Klagenfurt und Graz. An der Universität Wien studierte er Rechtswissenschaften, Deutsche Philologie sowie Geschichte und promovierte mit einer Arbeit über die Rechtsphilosophie bei Franz Kafka. Er ist Jurist, Honorarprofessor an der Universität Klagenfurt/Univerza v Celovcu und Schriftsteller. Zuletzt veröffentlichte er die Monografie Peter Handke. Begleitschreiben, Gespräche und Zustimmungen (2024) sowie die Erzählung Mein Leben. Meine Freunde (2025). Er hat mehrere Bücher zur Kafka-Forschung vorgelegt, in denen er eine eigenständige Methode der Auslegung entwickelt hat. 2024 wurde er mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet.

Ingrid Puganigg Bleib. Fraktale
gedichte. keiper lyrik 33
Graz: edition keiper, 2025.
205 Seiten, Broschur.
ISBN 978-3-903575-44-8

Verlagsseite mit Informationen zum Buch

Rezension vom 16.07.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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