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Schuldhafte Unwissenheit

Karl-Markus Gauß

// Rezension von Thomas Assinger

Auf Schuldhafte Unwissenheit lautet die Anklage, die Karl-Markus Gauß mit seiner Sammlung von Essays wider Zeitgeist und Judenhass erhebt. Gerichtet ist sie gegen intellektuelle Eliten und aktivistische Gruppen der westlichen Linken, die in ihren Reaktionen auf das Massaker der Hamas an der israelischen Zivilbevölkerung vom 7. Oktober 2023 und auf den darauffolgenden Krieg in Israel und Gaza ihre Augen vor der Realität des Nahostkonflikts verschließen würden.

Nicht nur würden weite Teile der Linken die objektiven Widersprüche in Geschichte und Gegenwart dieses Konflikts ignorieren, sondern, geladen mit moralischer Empörung und aufmunitioniert mit antikolonialer Theorie, selbst das Offenkundige nicht sehen:

„Es gibt eine Unwissenheit, die rundweg schuldhaft ist. Dazu gehört, dass die sich selbst als links verstehenden Israel-Hasser sich schlichtweg weigern, die politische Grundlegung der Hamas zur Kenntnis zu nehmen. Dabei hat diese nie einen Hehl daraus gemacht, dass es ihr nicht um nationale Gleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit oder die so genannte ‚Zweistaatenlösung‘ geht, sondern um die Vernichtung Israels […]. Ihre Gründungscharta von 1988 ist eine kompakte Sammlung antisemitischer Stereotype und eine unverhohlene Absichtserklärung, dass ‚zwischen dem Fluss und dem Meer‘ dereinst ein islamischer Gottesstaat errichtet werde.“ (S. 12)

Mit dem ersten der insgesamt zwölf enthaltenen Essays, Das umjubelte Massaker, schaltete sich Gauß bereits im Jänner 2024 in der Tageszeitung Der Standard in die hochgradig polarisierte Auseinandersetzung ein – und das durchaus streitbar: Maßgebliche Persönlichkeiten linker Politik und Theoriebildung wie „Yanis Varoufakis oder Judith Butler“ hätten „mit ihren Rechtfertigungen der Mörderbande, die […] 1300 Menschen aus dem einzigen Grund massakrierte, dass sie Juden waren, nicht einmal so lange ab[gewartet], bis Israel gerade so reagierte, wie die Hamas das wohl erwartet und erhofft hatte, nämlich mit Gegenschlägen, denen seither entsetzlich viele Zivilisten in Gaza zum Opfer gefallen sind.“ (S. 10) Gauß rekonstruiert in dem Text anhand von Michel Foucaults „Schwärmerei für die ‚politische Spiritualität‘“ (S. 10) der Islamischen Revolution im Iran die theoriegeschichtlichen Voraussetzungen für die Fetischisierung islamistischer Terrororganisationen zu vermeintlich progressiven Befreiungsbewegungen im Zeichen „woker Campusradikalität“ (S. 9). Die dringlichen politischen Anliegen von „Antirassismus, Antikolonialismus, Antiimperialismus“ würden dabei gerade von jenen nachhaltig diskreditiert, „die sich auf sie berufen“ (S. 11), indem sie nämlich in ihrem Aufbegehren gegen das Unrecht, das Kolonialismus und weiße Vorherrschaft über die Welt gebracht haben, ausgerechnet dem Staat Israel und jüdischen Menschen in aller Welt den Kampf ansagten.

Dass Polemik nicht ohne Zuspitzungen und Pauschalisierungen zu haben ist, dürfte einleuchten. Zumal in einer „politischen Debatte“, von der Gauß schreibt, dass es in ihr „kaum mehr um Erkenntnis, sondern einzig um das fortwährende Bekenntnis zu der einen oder der anderen Seite gehe.“ (S. 13)

Die Dynamiken emotional aufgeladener Debatten sind einem Autor, der sich in Jahrzehnten kritischer Zeitgenossenschaft den Ruf eines der originellsten Essayisten und engagierten Intellektuellen Mitteleuropas erarbeitet hat, vertraut – die Courage, die es erfordert, in ihnen öffentlich Position zu beziehen, ebenso. Diesmal sei die Sache aber klar: „Der Antisemitismus ist nicht durch jüdisches Fehlverhalten in die Welt gekommen, und er wird nicht durch jüdisches Wohlverhalten aus ihr verschwinden. […] Daher ist es notwendig, den allerorts angefeindeten Juden und Jüdinnen Schutz und Sicherheit zu bieten […] [u]nd sich, zumal wenn man sich politisch der Linken verbunden fühlt wie ich, zum Staate Israel und seinem Recht auf Selbstverteidigung zu bekennen.“ (S. 13f.)

Wiederholt bezieht Gauß sich in den versammelten Essays auf den aus Österreich stammenden Schriftsteller Jean Améry, der mit Jenseits von Schuld und Sühne (1966) die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit seiner Erfahrung als Überlebender von Auschwitz konfrontierte und in eindringlichen Essays den aus den antizionistischen Parolen der neuen Linken der 1970er Jahre sprechenden Antisemitismus anprangerte. Herausragend ist Gauß’ Darstellung von Leben, Werk und öffentlichem Engagement Amérys im Porträt Vergebliche Warnung, kühle Verzweiflung, in dem er auch auf Versuche der Vereinnahmung von Amérys Kritik an der israelischen Besatzungspolitik durch die heutige antiisraelische Linke hinweist. Gauß bilanziert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Antisemitismus der neuen Linken von damals und der Solidarisierung von Seiten der identitätspolitischen Linken von heute mit der Hamas. Dabei geht es auch darum, was gegenwärtig überhaupt als linke Politik und Theorie gelten kann, es geht um Deutungskämpfe im Zeichen der Wokeness – für Gauß ein Reizwort – und um das Erbe europäischer Aufklärung, das Gauß als Ressource für progressives Denken und Handeln gegen seine Verächter verteidigt.

Aufklärung und Antifaschismus sind denn auch der gemeinsame ideelle Nenner, dem alle in Schuldhafte Unwissenheit versammelten Texte ganz konkret verpflichtet sind. So die Rede Ein Ort namens Ebensee zur Befreiungsfeier des dortigen Konzentrationslagers 2023, in der die Frage nach dem Sinn und den Möglichkeiten des Gedenkens in unserer Gegenwart aufgeworfen wird. Einer Gegenwart, in der einerseits bald keine Überlebenden des nationalsozialistischen Vernichtungsterrors mehr von diesem werden zeugen können und in der sich andererseits eine unerhörte „Trivialisierung des Lebens und Sterbens in den Konzentrationslagern“ (S. 16) Bahn gebrochen habe, markant durch obszöne Vergleiche mit den Opfern des Nationalsozialismus auf Protesten gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-Pandemie.

Aufklärung und Antifaschismus sind auch die Texte über kollektives Verdrängen von Mittäterschaft an Massakern gegen die jüdische Bevölkerung in Polen und Litauen während der NS-Okkupation oder über die totgeschwiegene Unterdrückung und Marginalisierung der slowenischen Bevölkerung im faschistischen Italien verpflichtet, in denen zugleich erinnerungspolitische Kämpfe und das literarische Vermächtnis von Autoren wie Grigori Kanowitsch oder Boris Pahor gewürdigt werden, die die Schrecken der Verfolgung und Vernichtung in ihrem Werk präsent hielten.

Aus Essays über Theodor Herzl und den „Zionismus als österreichische[s] Projekt“ (S. 61), über den populären Romanschriftsteller Hugo Bettauer, dessen Stadt ohne Juden (1922) Gauß in eine so unerwartete wie schlüssige Nachbarschaft mit Romanen von Amos Oz und Philip Roth bringt, oder über den vor dem Nationalsozialismus aus Österreich geflohenen „amerikanischen Ottakringer“ (S. 81) Theo Waldinger, einem der „letzten Zeugen“ (S. 87) der vom Faschismus vernichteten Welt des alten Mitteleuropa, aus diesen Essays erschließen sich „andere“ und auf ganz unterschiedliche Weisen „widerständige Traditionen österreichischer Kultur und Politik“ (S. 84), die sich lange Zeit niemand die Mühe machte zu beachten, geschweige denn in ihrem Potenzial für eine demokratische Zukunft in kultureller Vielfalt zu würdigen.

Besonders eindrucksvoll ist die kleine Parallelbiographie von Poldi Weiss und Eugen Hoeflich, die die gleichermaßen unwahrscheinlichen Lebensgeschichten von zwei Söhnen des jüdischen Wiener Bürgertums der Jahrhundertwende erzählt. Beide kehrten dem Europa der Moderne, in dem sie keine Zukunft für sich und das jüdische Volk sahen, den Rücken und gingen nach Palästina. Der eine wurde als Muhammad Asad zu einem „der großen islamischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts“ (S. 73), der an den geistigen Grundalgen für „einen weltoffenen Islam“ arbeitete (S. 79); der andere wurde als Moshe Ya’akov Ben-Gavriel zu einem Verfechter des „Panasiatismus“, der Vision „von der übernationalen, alle Religionen erfassenden Einheit der asiatischen Völker“, und des „jüdisch-arabischen Sozialismus“ (S. 80), schließlich zum erfolgreichen Bestsellerautor und israelischen Offizier.

Mit dem letzten und titelgebenden Essay des Bandes Schuldhafte Unwissenheit kehrt Gauß wieder zur Aktualität der Ereignisse seit dem 7. Oktober 2023 zurück. Die Ungeordneten Aufzeichnungen 2023/2024, so der Untertitel, rufen zwar auch zentrale historische Voraussetzungen des gegenwärtigen Konflikts in Erinnerung, in erster Linie aber bieten sie eine erschreckende Bestandsaufnahme von Äußerungen und Aktionen im öffentlichen Raum, die die Entfesselung antisemitischer Ressentiments zu offenem Hass und Gewalt gegen jüdische Menschen und Institutionen weltweit dokumentiert.

Aufgezeichnet und kommentiert werden prominente und kontrovers debattierte Stellungnahmen wie jene von Judith Butler oder Masha Gessen, Parolen auf pro-palästinensischen und anti-israelischen Demonstrationen, aktivistische Performances von Kunststudierenden, zur Schau getragener radical chic bei der Berlinale oder der Biennale in Venedig, Übergriffe auf israelische Fußballfans in Amsterdam oder auf Fußball spielende jüdische Kinder in Frankreich, ebenso wie realisierte und phantasierte Gewaltakte „intellektuelle[r] Schlägertruppe[n]“ (S. 102) aus dem studentischen Milieu der USA. Abschließend werden in einem berichteten Gespräch mit einem alten Bekannten in gedrängter Form zentrale Argumente beider Lager der Linken gegeneinander aufgeführt – und das Gespräch tut das, was vorauszusehen war, es eskaliert zum Streit.

Mit dem Band Schuldhafte Unwissenheit leistet Karl-Markus Gauß zweierlei: Er gibt in alten, über die Jahre verstreut veröffentlichten, und in neuen Texten Einblick in seine Arbeit, Übersehenes und Verdrängtes der Literatur, der Kultur und der Geschichte Österreichs und Mitteleuropas einer Gegenwart in Erinnerung zu rufen, die mit solchen Erinnerungen wohl oft besser beraten wäre, als mit den Hervorbringungen eines Zeitgeists, gegen dessen moralische Überhebungen und ideologische Verblendungen, das ist die zweite Leistung, Gauß ohne Verbitterung und ohne falsche Zurückhaltung das Wort ergreift.


Thomas Assinger (*1989 in Villach), Literaturwissenschaftler und Literaturvermittler, arbeitet als Senior Scientist am Stefan Zweig Zentrum der Universität Salzburg. Studium der Germanistik, Romanistik und Slawistik in Wien und Konstanz, Tätigkeit als Universitätsassistent für Neuere deutsche Literatur an den Universitäten Wien und Salzburg. Publikationen, Vorträge und Veranstaltungen zur österreichischen, deutschen und italienischen Literatur- und Kulturgeschichte ab dem 18. Jahrhundert mit Schwerpunkten auf Literatur und Theater der Aufklärung, klassischer Moderne und Gegenwartsliteratur.

Karl-Markus Gauß Schuldhafte Unwissenheit. Essays wider Zeitgeist und Judenhass
Wien: Czernin, 2025.
128 Seiten, Hardcover.
ISBN: 978-3-7076-0873-1

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Rezension vom 20.07.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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