#Roman

Auflösungen.

Marlene Streeruwitz

// Rezension von Ursula Ebel

Wien den Rücken kehren und in New York einen Neubeginn starten. Klappt das in der Gegenwart? Wohl kaum, meint Marlene Streeruwitz in ihrem neuen Roman. Virtuos verbindet sie in Auflösungen. private Dramen mit dem Weltgeschehen.

Aller Anfang ist schwer, und teilweise sogar voller Gewalt. Mit einer haarsträubend packenden Szene eröffnet Marlene Streeruwitz ihren neuen Roman. Die 56-jährige Nina Wagner wartet am New Yorker Flughafen auf die Kontrolle durch die Einreisebehörde, sie selbst ist bestens vorbereitet. Es erwartet sie ein Lehrauftrag an einer New Yorker Universität, sie hat damit die passenden Dokumente parat. Unweit von ihr krümmt sich eine Passagierin vor Schmerzen am Boden. Eingreifen ist nicht möglich, die Beamt:innen haben die Entscheidungsgewalt und die Verantwortung. Niemand traut sich zu helfen, da die Einreisebestimmungen streng sind. Niemand möchte der Kompliz:innenschaft einer vermeintlich illegal eingereisten Person bezichtigt werden oder sich einen Fauxpas erlauben. Dieses erste Ankommen in Auflösungen., und zugleich in New York, ist so beklemmend falsch wie einleuchtend. Der gesamte Roman ist auf diesen ersten Seiten angelegt. Die Dinge laufen einerseits falsch, andererseits genauso wie vom Kapitalismus vorgegeben.

Streeruwitz stellt die Frage von Verhältnismäßigkeiten und die Frage: Wie können wir in so einer Welt leben? Das Gesetz lässt die eingangs erwähnte Gewaltszene nicht nur zu, sondern beschwört sie herauf. Denn dieser Raum des Ankommens wird von der Homeland Security dominiert, und wie rigoros dieses Reglement ist, macht Streeruwitz eindringlich klar. Dieses untrügliche Gespür für die Missachtung von Menschenwürde in unterschiedlichen Milieus prägt Auflösungen.. Streeruwitz setzt auf ihr Gefühl, wo andere sich mit Ignoranz behelfen, und dies nicht nur in Hinblick auf ein vermeintlich fernes Weltgeschehen, sondern auch da, wo es tatsächlich alle trifft.

New York – Am Rande des Abgrunds

Der Alltag, somit all die Details und Mikro-Details, findet in diesem großen New-York-Roman Platz. Streeruwitz richtet den Blick auf die kleinen Begegnungen und die Eindrücke, die ein Stadtbild, Marken, Werbungen oder Menschen erwecken. Wobei die niederschmetternden Erlebnisse überwiegen, denn Auflösungen. zeigt eine Stadt am Rande des Abgrunds. Auf die Zeug:innenschaft von Gewalt am Flughafen folgt eine Taxifahrt zu einer falschen Adresse, zu einem Abbruchhaus in einer verwahrlosten Gegend, die den Schrecken von Armut dokumentiert. Kurz darauf wird Nina Wagner Zeugin eines weiteren Akts von Gewalt, als ein Sicherheitsmann einen wehrlosen Pro-Palästina-Studenten der Universität auf brutale Weise tasert.

Die Preise der Lebensmittel sind in dieser Stadt horrend und werden stets genannt, etwa für ein paar Rosen und ein Croissant 35 Dollar. Obdachlose und Müll prägen in manchen Straßen das Stadtbild. Schließlich wird auch Nina Wagner selbst Opfer von Gewalt. Doch Auflösungen. zeigt ebenso die andere Seite, bei Zusammenkünften der Eliten erzählen Frauen von Botox als Heilmittel gegen Schmerzen beim Tragen von Pumps, ungeheurer Reichtum macht alles möglich. Streeruwitz lässt die unterschiedlichen sozialen Gruppen nebeneinander aufscheinen, ohne daraus ein Spektakel zu machen oder sie gegeneinander auszuspielen. Entwicklungen sorgen zwar für Emotionen bei ihrer Protagonistin, werden aber in erster Linie erstmal skizziert.

Die Lage in New York stellt sich als prekär dar, auch wenn Nina Wagner hier einen Neubeginn erproben wollte. Sie selbst ist zwar Lyrikerin, doch die gewünschte Vereinbarkeit von Kunst und Familie ließ sich nicht verwirklichen. Sie konnte sich nur beim Schreiben als Autorin fühlen, nicht aber in allen anderen Teilbereichen des Lebens, im Gegensatz zu vielen anderen. „Die Autoren, die sie kannte. Die hatten das so verinnerlicht. Die waren das immer. Jederzeit. Für sie. Sie verwandelte sich in die Schreibende und dann gleich wieder zurück und war die Mutter gewesen. Oder die Geliebte. Die Ehefrau nicht.“ (S. 28) Denn erst nach dem Ende ihrer Ehe konnte sie überhaupt beginnen zu schreiben. Ihre Wiener Probleme möchte Nina Wagner nun zurücklassen: Einen selbstverliebten ÖVP-Beamten als Ex-Ehemann, der nun, da sie erwachsen ist, die gemeinsame Tochter Franzi auf seine Seite gezogen hat, sowie ein unzufriedenstellendes Privatleben, das auf paradigmatische Weise die Ausschlüsse einer älter werdenden Frau in einer patriarchalen Gesellschaft verhandelt. Auch die Verhältnisse in Österreich klagt die Protagonistin klar an, die präsente Russland-Nähe zahlreicher Politiker:innen etwa, die die Öffentlichkeit und die Medien prägt. Insbesondere lässt Streeruwitz jedoch Wien als eine moderne Kulturmetropole, als die sich die Stadt sieht und vermarktet, alt aussehen.

Wien, die museale Stadt

Nach dem Besuch einer New Yorker Theateraufführung, die mit tosendem Applaus und herzlichen Umarmungen endet, imaginiert Nina Wagner eine vergleichbare Szene in Wien. Die gefeierten Personen würden steif dastehen und sich nicht ehrlich freuen können, denn in „Wien meint es niemand gut. Das war nicht vorgesehen. Es gab ja nur ein Von-oben-nach-Unten in allem. Huld. Gnade. Anerkennung nie. Da standen alle verlegen herum.“ (S. 151) Auch die nicht oder unzulänglich aufgearbeitete NS-Vergangenheit, etwa im Bereich der Bildenden Kunst, kritisiert Streeruwitz in Auflösungen. scharf. Die Horten-Sammlung oder das Leopold Museum besucht Nina Wagner aus Prinzip nie, da hier Arisierungserbschaften gezeigt würden. Der ebenfalls belastete Autor Josef Weinheber hätte ein Denkmal bekommen, an viele Tote würde nicht gedacht. „Aber Wien. Das ging alles, weil es längst vorbei war und das Museum von sich selbst. Zu Ende und alles eine Totenschau. Aber hübsch. An open casket funeral, und sie gehörten alle zur trauernden Familie. Sie musste schlucken. Europa. Österreich. Das war die Trauerfamilie, die nicht trauerte, und trotzdem permanenter Leichenschmaus.“ (S. 361)

In diesen essayistischen Passagen liegt eine der Qualitäten des vielschichtigen Romans, der auf ruhige Weise Haarsträubendes erprobt. Nämlich die Leser:innen mit der komplizierten Gegenwart zu konfrontieren, und dies sowohl auf der Mikro-Ebene von Familien- und Geschlechterdynamiken als auch auf dem Parkett der globalen Entwicklungen. Die Form des Romans sowie die literarische Wendigkeit der Autorin erlauben dabei die Verhandlung der Zumutungen der neoliberalen Gesellschaft auf zahlreichen Ebenen – Rassismus, Sexismus und Armut etwa – ebenso wie die Darstellung intimer Gefühle. Ein Kunstwerk unumwundener Klarsicht.

 

Ursula Ebel, geb. 1986 in Lilienfeld/NÖ, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und Gender Studies in Wien, Paris und Berlin; seit 2011 Mitarbeiterin und seit 2014 stellvertretende Leiterin der Österreichischen Gesellschaft für Literatur; Literaturkritiken für u. a. Die Presse, Buchkultur und das Magazin des Literaturhaus Wien.

Marlene Streeruwitz Auflösungen.
Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2025.
416 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-10-397199-6.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Marlene Streeruwitz

Rezension vom 14.08.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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