Denn allen Niedergängen, Um- und Aufbrüchen zum Trotz wird es doch im Grunde immer so (absolut verkehrt) bleiben, wie es immer schon war. Es kommt unweigerlich zum Tragen, was der Doyen der deutschen Begriffsgeschichte Reinhart Koselleck als „Wiederholungsstruktur“ bezeichnet hat (siehe den konzisen Beitrag von Johannes Rohbeck über „Fristen der Verantwortung für zukünftige Generationen“, S. 139–158), oder was mit Jacques Derrida überhaupt als Signatur des Apokalyptischen aufgefasst werden kann: „Das Ende ist nah, doch die Apokalypse ist von langer Dauer.“ Der Moment eines (schockhaften wie heilsamen) Aussetzens ist permanent möglich, doch bleibt die utopische „Front“ (Ernst Bloch) in der Regel von Systemzwängen und traditionellen Plattitüden verstellt. Die Öffnung hin auf eine andere Zukunft scheint allein durch progressive „Reversionen“ sozialer Ordnungen – also über Reformen anstatt über Revolutionen – möglich zu sein (S. 156).
Im vorliegenden Fall erweist sich der von Urs Büttner und Steffen Richter herausgegebene Band Endzeiten. Apokalypse – Eschatologie – Risiko vor dem Hintergrund der Covid-Pandemie als ein sehr gutes Rüstzeug für eine Orientierung in den gegenwärtigen und vergangenen Reden vom Ende der Welt „as we know it“. Dies liegt vornehmlich daran, dass sich der Band am Diskurs um den Klimawandel und das „Anthropozän“ ausrichtet und damit dem höchst aktuellen Vorhaben nachgeht, mit Fokus auf die Mensch-Naturverhältnisse „Fragen an neue Arten des Weltuntergangs und eine Steigerung der menschlichen Handlungsmacht schärfer zu stellen“ (S. 11). Dies soll gerade auch mit Blick in die Vergangenheit gelingen, indem „allgemein Diskursmuster des Sprechens vom Ende und deren Wandel systematisch auszuarbeiten“ sind (S. 13).
Der Frage nach dem Status quo des gegenwärtigen Sprechens vom Ende und danach, was angesichts der alltäglichen Katastrophenmeldungen überhaupt noch zu erhoffen ist, wird nach der sehr guten und präzise formulierten Einleitung der Herausgeber im Band zweiteilig nachgegangen. Den Anfang machen „Theorien des Endens“ mit Beiträgen von Alexander Loichinger und Bruno Latour (die beide auf ihre Weise für eine Aktualisierung urchristlicher Endzeitlehren plädieren), Simon Probst, Clive Hamilton und eben Johannes Rohbeck. In den unterschiedlichen Deutungen des Posthistoire sowie des Trans- und Posthumanismus kommt es dabei – was bei apokalyptischen Themen regelmäßig vorkommt und zurecht häufig beklagt wird – doch zu einigen historischen Engführungen und Unschärfen in der Begriffsverwendung (im Übrigen schon in der Einleitung mit der Unentschiedenheit zwischen Apokalypse/Apokalyptik).
Wünscht man sich so zwischen den theoretischen Ansätzen recht bald die Einführung einer philosophisch- oder historisch-kritischen Perspektive, erhält man dann im zweiten Teil des Bandes mehr Boden unter den Füßen („Bildliches, literarisches und filmisches Erzählen vom Ende“). Aufbereitet findet sich ein diverses Feld an Beiträgen über Albrecht Dürers Holzschnitte zur Johannes-Offenbarung (Oliver Jehle), die literarische Kritik an den frühindustrialisierten Prozessen der Flurbereinigung bei Wilhelm Raabe (Tanja von Hoorn), Übertrittszenarien in der viktorianischen Literatur (Elmar Schenkel), die frühe Vorwegnahme anthropozänischer Thematiken bei Alfred Döblin (Steffen Richter), Hermann Brochs „Kritik apokalyptischen Denkens“ (Maximilian Bergengruen), apokalyptische Fiktionen des Anthropozäns in den Filmen Melancholia und Die Wand (Rune Delfs und Mirjam Gebauer) sowie abschließend eine Interpretation von Planet of the Apes als apokalyptische „Speculative Fiction“ (Mira Shah). Auch wenn die einzelnen Themen weitgehend nebeneinanderstehen und unterschiedliche Schwerpunkte setzen, sollen die Beiträge „Apokalyptik, Eschatologie und Risiko … als Deutungsoptionen aufeinander beziehen“ (S. 38) und geben auch einen guten Einblick, wie ästhetische Verfahren, Endzeitnarrationen und naturwissenschaftliche Plausibilisierungen im modernen Katastrophendiskurs ineinandergreifen.
Die allgemein hohe Qualität des Bandes kann an sich nicht verwundern, ist er doch Teilergebnis des 2013 eingerichteten sechsjährigen DFG-Schwerpunktprogrammes „Ästhetische Eigenzeiten. Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne“, das sich in zahlreichen Teilprojekten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften den unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Bewertungszusammenhängen moderner Zeitlichkeiten widmete. Überraschend mag nur sein, dass sich erst Band 20 der Reihe dem Thema Endzeit zuwendet, zumal die „Apokalypse“ im 20. Jahrhundert gerade im deutschen geisteswissenschaftlichen Diskurs Angelpunkt zentraler philosophischer Debatten war und auch in der Aufklärungs- und Säkularisierungsfrage von einiger Bedeutung ist. Das lässt sich durchaus positiv als Abkehr von der Fixierung auf teleologische, auf Ursprung und Ziel aufbauende Geschichtskonzepte sehen und als wünschenswerte Öffnung hin zu Detailanalysen unterschiedlicher Zeiterfahrung und Zeitreflexion.
Und doch könnte man gerade im Rahmen eines Projektes zu „Ästhetischen Eigenzeiten“ und „Risiko“ in der Analyse des Sprechens vom Ende schon ein, zwei notwendige (Selbst-)Reflexionsschritte weiter sein. Mit der Einbettung in den „Anthropozän“-Diskurs werden der „Apokalypse“ nämlich jene Stacheln gezogen, ohne die sie zu einem leeren Repräsentationsbegriff wird, und gerade jene spannungsgeladenen Momente vernachlässigt, die ihre Bildgewalt ausmacht: die Konflikte mit der chronologischen Zeit, mit mehr oder weniger verschleierter hegemonialer Machtausübung, mit elitärer Repräsentationsform, mit hierarchischer Diskursdisziplin, mit tabuisierten existenziellen Fragen … Hat sich nicht gerade in jüngster Zeit eine Sprach- und Fassungslosigkeit sowie auch Phantasielosigkeit gegenüber jenen Themen gezeigt, bei denen man noch vor ein, zwei Generationen künstlerisch wie theoretisch viel weiter schien? Wäre es nicht angebracht, wenigstens die Philologie gegenüber den naturwissenschaftlichen Leitansprüchen wieder selbstbewusster als Lehre über das Aushalten von Spannungen zu positionieren? Und wäre es nicht etwa auch an der Zeit – jetzt auch als Solidaritätsbekundung den jüngeren Generationen gegenüber –, Zukunftsperspektiven nach radikalen Bottom-up-Prinzipien zu entwerfen und umzusetzen, anstatt immer nur darauf hinzuweisen, dass sich das Gattungssubjekt „Mensch“ in eine Sackgasse manövriert hat? Wären nicht das die eigentlichen (riskanten) Themen einer aktuellen „Apokalypse“-Rezeption?
