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Karl Heinrich Waggerl

Karl Müller

// Rezension von Wolfgang Straub

Den Salzburger Germanisten Karl Müller könnte man seit seiner Arbeit Zäsur ohne Folgen (1990) als Waggerl-Spezialisten bezeichnen. Mußte Waggerl damals als Paradebeispiel für das lange Leben der literarischen Antimoderne – so der Untertitel – herhalten, so läßt Müller nun eine materialreiche, penibel recherchierte Biographie folgen.

Es handelt sich dabei in erster Linie um eine wissenschaftliche Arbeit, Müller geht streng philologisch vor. Private Details oder Anekdotisches haben beinahe keinen Platz, mitunter empfindet man das als zu karg: Müller erwähnt zwar, daß Waggerls Frau bei dem letalen Verkehrsunfall 1973 am Steuer saß, was mit ihr dabei geschah, erfährt man nicht; erwähnt wird auch kurz die Existenz einer unehelichen Tochter Waggerls, man hätte gerne mehr über die Nachlaßverwalterin erfahren.

Neben Dokumenten und Interviews mit Zeitzeugen sind Müller vor allem die zahlreichen autobiographischen Texte Waggerls Grundlage zur Rekonstruktion der wahren Lebensumstände: für den Biographen ein gehöriges Stück Arbeit, die Texte strotzen vor Ironisierungen, Selbststilisierungen und beinhalten – besonders nach 1945 – manch kosmetische Korrektur. Es gehört sicher zu den großen Verdiensten dieser mit viel Bildmaterial versehenen und aufwendig gesetzten Biographie, aus der Sicherheit penibler Recherche heraus die Diskussion um Waggerls Rolle in den dreißiger und vierziger Jahren auf eine objektive Basis zu stellen.

Müller bringt bisher nur verschwommen wahrgenommene Geisteshaltungen auf den Punkt (“das Antisemitismus-Syndrom Waggerls”), ihm ist aber nicht um eine Verdammung zu tun. Er spricht vielmehr durchgehend vom widersprüchlichen Charakter der Autors und bekennt auch klar die Lücken, die in der Biographie offen bleiben müssen: so war eine Mitgliedsnummer des Kurzzeit-Bürgermeisters von Wagrain (1940-42) bei der NSDAP bisher nicht eruierbar. Das Verhältnis des Germanisten zu den heute zum Teil nur mehr schwer lesbaren Texten gestaltet sich problematisch: Müller versucht, sich für die frühen Erzählungen zu begeistern (“Waggerl versteht es, hinter harmlos klingenden und zum Schmunzeln verführenden Sätzen bedrängende Kindheitserfahrungen zu verbergen”), zugleich verläßt ihn ein wenig die Fairneß, wenn er der “Erdverbundenheit” seines Schützlings ein langes Zitat aus Doderers Tagebuch (gegen die “literarische Bauerntümelei”) entgegenhält und schließlich sogar Adorno ins Spiel bringt.

Phasenweise ist die wissenschaftliche “Trockenheit” dem Lesevergnügen etwas abträglich, aber für klare Sätze wie den folgenden nimmt man gerne die kurzen Durststrecken in Kauf: “Klarerweise war Waggerls Dichtung nicht verdächtig, das nationalsozialistische Parteiprogramm zu propagieren, was widersinnig gewesen wäre, nichtsdestoweniger aber stand die Brauchbarkeit für das NS-Regime zur Diskussion, auch deswegen, weil sich Waggerls Dichtung aus Ideologemen konstituiert, die nicht zuletzt Teil sowohl der deutsch-völkischen als auch der ständestaatlichen Dichtungsideolgie waren.”

Karl Müller Karl Heinrich Waggerl
Bildmonographie.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 1997.
376 Seiten, gebunden, mit Abbildungen.
ISBN 3-7013-0960-4.

Rezension vom 02.12.1997

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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